Die drei Sätze, die ich morgens nicht mehr zu mir sage

Es gibt drei Sätze, die ich über Jahre fast jeden Morgen zu mir gesagt habe. Ich habe sie nicht laut ausgesprochen. Ich habe sie auch nicht bewusst gedacht. Sie waren einfach da, leise, im Hintergrund — wie eine Begleitmusik, die ich nicht mehr abschalten konnte. Heute sage ich sie nicht mehr. Und das hat mehr verändert als jede Achtsamkeitsübung.
Ich erzähle dir heute, welche das waren — und was ich stattdessen denke. Nicht, weil ich glaube, dass deine Sätze dieselben sind. Sondern weil sehr viele Frauen, mit denen ich arbeite, sich in mindestens einem davon wiedererkennen.
Vielleicht erkennst du dich auch.
Satz 1: „Ich muss noch schnell …“
Das war mein Lieblings-Satz. Er begann morgens beim Zähneputzen und endete abends, wenn ich „nur noch schnell“ die Küche aufgeräumt habe. Dazwischen lagen 14 Stunden, in denen ich permanent „nur noch schnell“ etwas erledigt habe.
„Nur noch schnell die Wäsche.“ „Nur noch schnell die Mail.“ „Nur noch schnell die Einkaufsliste.“ „Nur noch schnell den Anruf.“ „Nur noch schnell mich umziehen.“
Das Tückische an diesem Satz ist nicht das „schnell“. Es ist das „muss“. Es lag eine permanente Dringlichkeit in meinem Tag, die nie wirklich da war. Niemand hat darauf gewartet, dass ich die Wäsche jetzt aufhänge. Es gab kein Meeting, in dem die Einkaufsliste präsentiert werden musste. Es war einfach mein innerer Antreiber, der gesagt hat: Wenn du nicht stehen bleibst, gewinnst du.
„Ich muss noch schnell.“ — Stattdessen: „Das hat Zeit.“
Heute frage ich mich morgens beim Zähneputzen einen einzigen Satz: „Ist das wirklich dringend?“ In den allermeisten Fällen lautet die Antwort: nein. Die Wäsche kann mittags aufgehängt werden. Die Mail kann am Nachmittag beantwortet werden. Die Einkaufsliste kann nach dem Kaffee entstehen.
Es ist ein kleiner Unterschied. Aber eigentlich ist er riesig. Denn „nur noch schnell“ lebt davon, dass dein Körper in dauerhafter Anspannung bleibt. „Das hat Zeit“ lebt davon, dass du atmest.
Satz 2: „Andere haben es schwerer.“
Diesen Satz habe ich nicht zu mir gesagt. Ich habe ihn zu mir gefühlt. Immer dann, wenn ich auf die Idee kam, dass meine Erschöpfung vielleicht real ist. Dass ich vielleicht müde sein darf. Dass ich vielleicht etwas brauche.
In dem Moment, in dem ich anfangen wollte zu fühlen, was mich belastet, kam dieser Satz und hat es relativiert: „Andere haben es schwerer. Du hast einen Job, eine gesunde Familie, ein Dach über dem Kopf. Stell dich nicht so an.“
Der Satz wirkt wie eine moralische Überzeugung. Er ist aber etwas anderes — er ist ein Schutzmechanismus. Solange ich meine Gefühle, mein Leiden klein halte, muss ich nichts dagegen tun. Ich muss nicht zugeben, dass ich Hilfe brauche. Ich muss nicht aussprechen, dass meine Situation mich überfordert. Ich kann einfach weiterlaufen und sagen: „Mir geht es gut.“
„Andere haben es schwerer.“ — Stattdessen: „Das, was ich trage, ist real.“
Was mir geholfen hat, war eine einfache Erkenntnis: Das, was mich belastet, wird nicht kleiner, wenn andere mehr leiden. Mein Leiden wird nur weniger sichtbar. Und je weniger sichtbar es ist, desto schwerer wird es.
Heute, wenn der Satz auftaucht — und das tut er immer noch manchmal — antworte ich ihm: „Ja, andere haben es vielleicht schwerer. Und das, was ich trage, ist trotzdem real.“ Beides darf stimmen.
Satz 3: „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.“
Das ist der gefährlichste der drei Sätze. Denn er stimmt oft. Wenn ich die Wochenplanung nicht mache, macht sie häufig wirklich niemand. Wenn ich die Geburtstagsgeschenke nicht besorge, denkt niemand sonst dran. Wenn ich den Zahnarzttermin nicht im Kopf habe, wird er vergessen.
Der Satz ist also keine Lüge. Er ist eine Falle. Denn er suggeriert, dass die Tatsache, dass etwas getan werden muss, automatisch bedeutet, dass ich es tun muss. Das ist aber nur ein Schluss von vielen.
Es gibt mindestens drei weitere Antworten auf „Wenn ich es nicht mache, macht es keiner“. Erstens: Vielleicht macht es doch jemand — wenn ich es nicht übernehme. Zweitens: Vielleicht bleibt es liegen — und das ist keine Katastrophe. Drittens: Vielleicht muss es überhaupt nicht gemacht werden. Über genau diese Aufgaben, die niemand vermissen würde, habe ich in meinem Artikel über Erschöpfung trotz Schlaf ausführlich geschrieben.
„Wenn ich es nicht mache, macht es keiner.“ — Stattdessen: „Vielleicht bleibt es liegen. Beides ist okay.“
Heute frage ich mich, wenn dieser Satz auftaucht: „Was passiert wirklich, wenn ich es heute nicht mache?“ In den meisten Fällen lautet die Antwort: nichts Schlimmes. Manchmal lautet sie auch: jemand anders übernimmt es. Und manchmal lautet sie: es bleibt liegen, bis es jemand vermisst — und dann reden wir darüber.
Das ist nicht bequem. Aber es ist ehrlicher als der Glaube, dass ich die Einzige bin, die diese Welt am Laufen hält.
Was das mit dir zu tun hat
Vielleicht sind deine drei Sätze andere. Vielleicht heißen sie „Ich sollte längst weiter sein“ oder „Ich darf keine Schwäche zeigen“ oder „Ich hätte eigentlich …“. Was alle diese Sätze gemeinsam haben: Sie laufen leise im Hintergrund. Sie wirken wie Wahrheiten. Und sie machen müde.
Der erste Schritt ist nicht, sie sofort zu verändern. Der erste Schritt ist, sie überhaupt zu hören. Sie auszusprechen, am besten leise zu dir selbst. Und zu beobachten, was sie mit dir machen.
Du musst diese Sätze nicht sofort tauschen. Du darfst sie erst einmal nur bemerken.
Wenn du möchtest, schreib mir, welcher Satz dich am meisten begleitet. Du kannst mir direkt über meine Kontaktseite eine Nachricht schicken. Ich lese alles, was bei mir ankommt — und antworte dann schnellstmöglich.
Und falls du das Gefühl hast, dass diese inneren Sätze dich über Jahre müde gemacht haben, und du Lust hast, gemeinsam mit jemandem hinzuschauen — in meinem 1:1 Mentoring arbeite ich mit Frauen genau an solchen Mustern. Über 3 oder 6 Monate, in deinem Tempo, ohne Druck.
Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine