Der Satz, den ich mir sage, wenn ich mich selbst nicht wiedererkenne

Es gibt Tage, da bin ich so, wie ich mich eigentlich nicht kenne. Dünnhäutig, unruhig, die kleinste Kleinigkeit bringt mich aus der Fassung. Früher hätte ich mich an solchen Tagen zusammengerissen – oder es zumindest versucht. Heute sage ich mir einen anderen Satz: „Ich muss mich nicht zusammenreißen. Ich muss mich nur verstehen.“ Und das verändert alles.
Warum „Zusammenreißen“ nicht funktioniert
„Reiß dich zusammen“ ist der Satz, den wir alle gelernt haben. Er klingt nach Stärke, nach Disziplin, nach Erwachsensein. Aber er hat einen Haken: Er behandelt ein Gefühl wie einen Fehler, den man abstellen muss. Und was du bekämpfst, wird selten kleiner. Meistens wird es lauter.
Wenn ich mir sage, ich soll mich zusammenreißen, kommt zur Unruhe noch etwas Zweites dazu: der Ärger darüber, dass ich unruhig bin. Zur Gereiztheit die Scham, gereizt zu sein. Ich verdopple das Problem, statt es zu lösen. Ich kämpfe an zwei Fronten – gegen das Gefühl und gegen mich selbst.
Und meistens hält das Zusammenreißen sowieso nicht lange. Man drückt ein Gefühl weg, funktioniert eine Weile – und dann bricht es an einer völlig harmlosen Stelle heraus – wegen einer Kleinigkeit, viel heftiger als die Sache es hergibt. Nicht, weil man schwach ist. Sondern weil Weggedrücktes sich seinen Weg sucht.
„Was du bekämpfst, wird selten kleiner. Meistens wird es lauter.“
Was „verstehen“ anders macht
„Verstehen“ dreht die Richtung um. Statt zu fragen „Was stimmt nicht mit mir?“ frage ich „Was ist gerade los mit mir?“. Die erste Frage ist ein Vorwurf. Die zweite ist eine ehrliche Erkundung.
Und meistens gibt es eine Antwort. Vielleicht habe ich schlecht geschlafen. Vielleicht war die Woche zu voll. Vielleicht sind es die Hormone, die in dieser Lebensphase mehr mit unserer Stimmung machen, als die meisten ahnen – darüber habe ich den Artikel „Ich erkenne mich selbst nicht mehr“ – wenn die Hormone an die Stimmung gehen geschrieben. In dem Moment, in dem ich verstehe, woher es kommt, ist es nicht mehr mein Versagen. Es ist einfach eine Welle. Und Wellen gehen vorüber.
„Was stimmt nicht mit mir?“ ist ein Vorwurf. „Was ist gerade los mit mir?“ ist Fürsorge.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich kurz davor war, wegen einer offenen Kühlschranktür die Fassung zu verlieren. Früher hätte ich mich zusammengerissen, wäre kurz angebunden gewesen und hätte mich danach schlecht gefühlt.
Diesmal habe ich innegehalten und mich gefragt, was wirklich los ist. Die Antwort hatte nichts mit der Kühlschranktür zu tun. Ich war seit Tagen nicht zur Ruhe gekommen und hatte niemandem gesagt, wie erschöpft ich war.
Die offene Tür war nur der Tropfen. In dem Moment, in dem ich das verstanden habe, war die Wut fast weg – und ich wusste, was ich stattdessen brauchte.
Verstehen heißt nicht alles durchgehen lassen
Manchmal höre ich den Einwand: Ist das nicht bloß eine Ausrede? Wenn ich alles „verstehe“, muss ich mich ja nie mehr anstrengen. Aber so ist es nicht gemeint. Verstehen heißt nicht, dass jedes Verhalten in Ordnung ist. Wenn ich meinen Mann angefahren habe, entschuldige ich mich trotzdem.
Der Unterschied liegt woanders: Ich entschuldige mich für mein Verhalten, ohne mich für mein Gefühl zu verurteilen. Ich übernehme Verantwortung für das, was ich tue – und höre auf, mich dafür zu verurteilen, dass ich überhaupt so fühle. Das eine ist Reife. Das andere ist nur Selbstbestrafung.
Und tatsächlich passiert etwas Überraschendes, wenn ich mich nicht mehr für mein Fühlen verurteile: Ich reiße mich seltener zusammen – und muss mich seltener entschuldigen. Weil ich früher merke, was los ist, bevor es überkocht. Verstehen ist also nicht das Gegenteil von Selbstkontrolle. Es ist der ruhigere Weg dorthin.
Wie du den Satz für dich nutzt
Wenn du das nächste Mal merkst, dass du dir selbst fremd wirst, halte einen Moment inne, bevor der alte Reflex greift. Und sag dir – innerlich reicht völlig: Ich muss mich nicht zusammenreißen. Ich muss mich nur verstehen.
Dann stell dir die freundliche Frage: Was ist gerade los mit mir? Und nimm die Antwort ernst, egal wie unspektakulär sie ist. Müde. Überfordert. Hormonell. Traurig. Unsicher. Oft reicht schon das Benennen, damit sich etwas löst. Denn genau das gestehen wir uns selbst am seltensten zu – die Milde, die wir für jede Freundin selbstverständlich hätten. Warum das so ist, habe ich im Artikel „ Warum wir uns selbst zumuten, was wir niemandem sonst zumuten würden“ beschrieben.
„Du darfst dir dieselbe Milde geben, die du für jede Freundin selbstverständlich hättest.“
Für dich
Und wenn der Kopf an solchen Tagen einfach nicht zur Ruhe kommt, sei besonders gut zu dir. Meine kostenlose Audio-Reise Feierabend für den Kopf schenkt dir fünf Minuten, in denen du nichts verstehen und nichts lösen musst – nur zuhören.
Und wenn du gerade eine Phase durchlebst, in der du dich selbst kaum wiedererkennst und dir jemanden an die Seite wünschst, der zuhört: In meinem 1:1 Mentoring begleite ich Frauen genau dabei. Melde dich gern, wenn du magst. 💛
Welchen Satz sagst du dir, wenn du dir selbst fremd wirst? Schreib mir – ich freue mich auf deine Nachricht.
Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine