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Was meine Wut mir sagen wollte, bevor ich ihr zugehört habe

  • 28. August 2026
  • 5 Min. Lesezeit
Frau um die 45 sitzt ruhig da und denkt nach – der Wut zuhören statt sie wegdrücken

Lange habe ich meine Wut behandelt wie ein völlig unnötiges Gefühl – ein ungebetener Gast: schnell wieder weg, lächeln, bevor jemand sie sieht. Zusammenreißen, runterschlucken, weitermachen. Bis ich irgendwann verstanden habe, dass sie gar nicht gekommen war, um mich zu ärgern. Sie war gekommen, um mir etwas zu sagen. Ich hatte nur nie zugehört.

Der Abend, an dem es zu viel wurde

Ich weiß noch genau, wann mir das klar wurde. Es war ein ganz normaler Mittwochabend. Die Spülmaschine war mal wieder nicht ausgeräumt, jemand fragte mich zum dritten Mal, wo seine Sachen sind – und ich bin explodiert. Wegen einer Kaffeetasse. Lauter und schärfer, als es die Sache hergab.

Hinterher kam, was immer kam: das schlechte Gewissen. Ich habe mich entschuldigt, aufgeräumt, mir vorgenommen, mich das nächste Mal mehr zusammenzureißen. Und genau das hatte ich mir schon hundertmal vorgenommen. Es half nie lange. Denn ich hatte die falsche Frage gestellt. Satt: Was stimmt nicht mit mir? Lieber: Was will mir das gerade sagen?

„Ich hatte meine Wut immer nur bekämpft und unterdrückt. Nie gefragt, was sie eigentlich von mir wollte.“

Was ich jahrelang mit ihr gemacht habe

Ich habe sie weggedrückt. Wie so viele Frauen habe ich gelernt: Eine wütende Person ist unangenehm, anstrengend, zu viel. Also hielt ich meine Wut leise. Ich lächelte, wo ich hätte widersprechen müssen. Ich sagte Ja, wo ich Nein dachte. Ich schluckte und fraß sie in mich hinein.

Aber Weggeschlucktes verschwindet nicht. Es sammelt sich an einem stillen Ort, und irgendwann ist der voll. Dann reicht eine Kaffeetasse. Nicht, weil die Tasse so schlimm war – sondern weil sie der letzte Tropfen in einem längst übervollen Glas war. Meine Wut war nie das eigentliche Problem. Sie war die Rechnung für all das, was ich vorher nicht ausgesprochen hatte.

Und es kam ja noch etwas dazu. Zur eigentlichen Wut gesellte sich jedes Mal die Scham darüber, überhaupt wütend zu sein. Ich war also gleich doppelt beschäftigt: mit dem Gefühl und mit dem Ärger über das Gefühl. Kein Wunder, dass ich erschöpft war. Ich führte einen leisen Dauerkampf gegen einen Teil von mir selbst – und den kann man nicht gewinnen. Und davor kann man auch nicht weglaufen.

Was sie mir wirklich sagen wollte

Als ich anfing, ihr zuzuhören statt sie wegzuschieben, wurde die Botschaft überraschend deutlich. Meine Wut zeigte fast immer auf dasselbe: auf eine Grenze, die ich selbst nicht mehr verteidigt hatte. Auf jedes Ja, das zu viel war. Auf eine Aufgabe, die längst nicht mehr meine hätte sein müssen. Warum ausgerechnet diese Phase mir den Filter genommen hat, mit dem ich das alles so lange geschluckt habe, steht im Artikel „Warum du plötzlich so wütend bist – und was die Wut dir sagen will“.

Die Wut war also nicht mein Feind. Sie war eine ziemlich zuverlässige Botin. Sie meldete sich immer dann besonders laut, wenn ich mich selbst übergangen hatte. Und in dem Moment, in dem ich das verstand, hörte ich auf, mich für sie zu schämen. Ich fing an, ihr zu danken.

„Meine Wut meldete sich immer dann, wenn ich mich selbst übergangen hatte.“

Wie ich heute mit ihr umgehe

Zuhören heißt nicht, jedem Impuls zu folgen. Wenn ich heute merke, dass die Welle kommt, gehe ich erst einmal kurz raus aus der Situation – ein Glas Wasser, ein paar Atemzüge, bevor ich etwas sage, das ich bereue. Das ist der eine Teil: nicht sofort reagieren.

Was sich dabei am meisten verändert hat, ist der Ton mir selbst gegenüber. Früher hätte ich in so einem Moment gedacht: Jetzt reiß dich endlich zusammen. Heute denke ich eher: Aha, da ist wieder etwas, das gehört werden will. Allein dieser Wechsel im inneren Ton nimmt der Wut schon die Hälfte ihrer Wucht. Sie muss nicht mehr schreien, um bemerkt zu werden. Und ich muss es auch nicht mehr.

Der andere Teil kommt später, wenn es ruhig ist. Dann frage ich mich: Worauf hat die Wut heute gezeigt? Und meistens gibt es eine ehrliche Antwort – und eine kleine Grenze, die daraus folgt. Wie ich die ziehe, ohne dass daraus Streit wird, habe ich in „Grenzen setzen ohne Streit — warum das kein Widerspruch ist beschrieben. Denn eine Grenze, die ich früh und ruhig setze, erspart mir die Explosion, für die ich mich später schäme und entschuldigen muss.

„Eine Grenze, die ich früh und ruhig ziehe, erspart mir die Explosion, für die ich mich schäme.“

Für dich

Wenn du dich gerade für deine Wut schämst, dann versuch es einmal mit einer anderen Frage. Nicht „Was stimmt nicht mit mir?“, sondern „Worauf zeigst du gerade?“. Vielleicht überrascht dich die Antwort. Und vielleicht ist deine Wut viel klüger, als du dachtest – sie hat nur lange keiner gefragt oder in dieser Art wahrgenommen.

Und wenn du herausfinden möchtest, wohin deine Wut dich führen will – und welche Grenze dahinter auf dich wartet: In meinem 1:1 Mentoring gehen wir dem gemeinsam nach. Für die lauten Abende zwischendurch habe ich meine kostenlose Audio-Reise Feierabend für den Kopf für dich. 💛

Worauf zeigt deine Wut, wenn du ehrlich hinschaust? Schreib mir – ich freue mich auf deine Nachricht.

Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine