Der Moment, in dem ich mir eingestanden habe, dass ich Hilfe brauche

Es gab keinen großen Zusammenbruch. Kein dramatisches Ereignis, das alles veränderte. Es war ein ganz leiser Mittwochabend, ich stand vor dem Spiegel – und konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. Weil ich in diesem Moment wusste: Ich belüge mich selbst. „Es geht schon“ stimmte schon lange nicht mehr. Und ich schaffte das nicht mehr allein.
Wie lange ich „Es geht schon“ gesagt habe
„Es geht schon“ ist ein erstaunlich mächtiger Satz. Man kann sich Jahre damit über Wasser halten. Ich habe ihn benutzt, wenn Freundinnen fragten, wie es mir geht. Ich habe ihn benutzt, wenn mein Körper längst etwas anderes sagte. Ich habe ihn sogar zu mir selbst gesagt, jeden Morgen, wie eine Formel, die den Tag zusammenhält.
Dabei war ich müde. Nicht die Müdigkeit, die ein Wochenende heilt – die tiefere, die sich über Monate ansammelt und bleibt. Ich habe Sport gemacht, ich habe Kurzurlaube eingeschoben, ich habe alles versucht, was man so versucht. Und nichts davon erreichte diese Erschöpfung noch. Ich funktionierte weiter – und je besser ich funktionierte, desto weniger merkte jemand, wie leer ich innerlich war.
„„Es geht schon“ war der Satz, mit dem ich mich jahrelang selbst übersehen habe.“
Der Abend vor dem Spiegel
An diesem Abend also stand ich vor dem Spiegel und wich meinem eigenen Blick aus. Es klingt klein, aber es war der ehrlichste Moment seit Langem. Ich spürte die Panik vor dem nächsten Arbeitstag schon in der Brust: wieder aufstehen, wieder funktionieren, wieder für alle da sein – und keine Kraft mehr dafür haben. Nicht müde. Leer.
Von meiner Selbstachtung war zu diesem Zeitpunkt fast nichts mehr übrig. Ich hätte dir damals nicht sagen können, was an mir noch liebenswert ist. Und trotzdem kam in diesem Moment ein Gedanke, den ich lange abgewehrt hatte: So kann es nicht weitergehen. Ich brauche Hilfe. Kein „vielleicht sollte ich mal“ – ein klares, erschöpftes: Ich brauche jetzt jemanden, der mir hilft, hier wieder herauszufinden.
„Ich konnte abends nicht mehr in den Spiegel schauen, weil ich wusste: Ich belüge mich.“
Warum der erste Schritt so viel Mut kostet
Sich das einzugestehen, ist alles andere als leicht. Es gehört viel Mut dazu, zuzugeben, dass man es allein nicht mehr schafft – gerade als Frau, die immer die Starke war, die für alle da ist, die alles im Griff hat. Der erste Reflex ist Scham. Es fühlt sich an wie Versagen.
Heute weiß ich, dass es das Gegenteil ist. Sich Hilfe zu suchen und sich zu öffnen, ist der mutigste Schritt überhaupt. Und ich weiß auch: In genau diesen grauen, dunklen Zeiten, in denen man selbst kaum noch Licht sieht, gibt es ein Fünkchen Hoffnung – dass es wieder besser wird. Vielleicht nicht von allein, aber mit Begleitung, und wenn nötig mit therapeutischer Unterstützung. Man muss dieses Fünkchen anfangs nicht einmal selbst glauben. Es reicht, den ersten Schritt trotzdem zu gehen.
„Der Mut, sich zu öffnen, ist der Anfang, an dem sich alles zu drehen beginnt.“
Was Offenheit verändert hat
Mut zur Offenheit hieß für mich vor allem eines: den Menschen, die mir wichtig sind, ehrlich zu sagen, wie es mir geht. Und die Reaktionen waren oft ganz anders, als ich es befürchtet hatte.
Statt „Das wird schon wieder“ kam großes Staunen und echtes Interesse: „Was können wir für dich tun?“ Statt kluger Ratschläge kamen Umarmungen. Ich konnte weinen, ohne mich dafür zu schämen. Und nach und nach kamen von außen Komplimente und Zuwendung – kleine Spiegel, die mir zurückgaben, was ich selbst gerade nicht mehr sehen konnte. So fing meine Selbstachtung an, ganz langsam zurückzukommen. Nicht durch einen großen Beschluss, sondern durch viele kleine Momente, in denen ich mich wieder gesehen fühlte und mich auch selbst wieder sah.
Und mit dem Selbstwert kamen die Energie und die Stimmung zurück. Nicht über Nacht. Aber spürbar. Es hat sich gelohnt, für mich zu kämpfen – weil sich dadurch schließlich alles verändert hat: wie ich mich fühle, wie viel Kraft ich habe, und sogar, wie mir mein Umfeld begegnet.
„Es hat sich gelohnt, für mich zu kämpfen. Weil sich dadurch alles verändert hat.“
Warum Begleitung dabei so viel ausmacht
Das Schwerste am Anfang ist oft gar nicht die Lösung – es ist, die eigene Lage überhaupt zu verstehen. Wenn man mittendrin steckt, ist alles ein einziger Knoten: Erschöpfung, Selbstzweifel, Schuldgefühle, die Frage, ob das „nur“ die Wechseljahre sind oder mehr. Woran man erkennt, wann ärztliche Hilfe dran ist, habe ich in „Wechseljahre oder Depression? Woran du den Unterschied erkennst“ beschrieben.
Eine gute Begleitung hilft dir zuerst beim Einordnen – bevor überhaupt an Lösungen zu denken ist. Sie hört zu, sortiert mit dir und hilft dir, deine Selbstachtung Stück für Stück wieder hervorzuholen. Und wenn du gerade nicht weißt, welche Form der Unterstützung überhaupt zu dir passt, hilft dir der Artikel „Coaching, Therapie oder Mentoring – welche Hilfe passt zu dir?“, das zu sortieren.
Für dich
Vielleicht sagst du gerade auch „Es geht schon“, obwohl es das nicht tut. Vielleicht weichst auch du deinem eigenen Blick im Spiegel aus. Dann möchte ich dir zurufen, was ich damals gern gehört hätte: Du musst nicht warten, bis es unerträglich wird. Und du musst dieses Fünkchen Hoffnung noch nicht spüren, um trotzdem den ersten Schritt zu gehen. Der besteht nicht darin, alles zu lösen. Er besteht nur darin, es einem Menschen ehrlich zu sagen.
Wenn du magst, sag es mir. In meinem 1:1 Mentoring begleite ich Frauen durch genau solche Phasen – und wir fangen dort an, wo es am meisten drückt: beim Entwirren. Beim kostenfreien Kennenlerngespräch musst du nichts entscheiden, du erzählst nur, wie es dir geht. Und für die schweren Abende habe ich meine kostenlose Audio-Reise Feierabend für den Kopf für dich.
Wenn es dir sehr schlecht geht: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr kostenfrei und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Du musst damit nicht allein bleiben.
Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine