Warum ich aufgehört habe, mich für mein Vergessen zu entschuldigen

„Entschuldigung, ich steh gerade auf dem Schlauch.“ „Sorry, das hab ich total vergessen.“ „Tut mir leid, wie war noch mal dein Name?“ Diesen Satz – oder irgendeine Version davon – habe ich eine Zeit lang gefühlt zwanzigmal am Tag gesagt. Bis mir auffiel, wofür ich mich da eigentlich entschuldige und dass ich damit sofort aufhören darf.
Wie oft ich am Tag „Entschuldigung“ sagte
Es hatte sich eingeschlichen, ganz leise. Ein Wort fiel mir nicht ein – „Entschuldigung“. Ich vergaß einen Termin – „Tut mir so leid“. Ich verlor mitten im Satz den Faden – „sorry, wo war ich?“. Jedes kleine Aussetzen bekam automatisch eine Entschuldigung hinterhergeschickt, wie ein Reflex.
Als mir das auffiel, bin ich erschrocken. Ich entschuldigte mich den ganzen Tag – bei Freundinnen, bei meinen Kindern, beim Mann an der Kasse, sogar bei mir selbst. Als wäre ich ständig im Unrecht. Als müsste ich mich für meine bloße Anwesenheit rechtfertigen.
Und das Absurde: Die meisten Menschen, bei denen ich mich entschuldigte, hatten mein Aussetzen gar nicht bemerkt. Erst mein „Tut mir leid“ machte sie darauf aufmerksam. Ich lenkte den Scheinwerfer selbst auf genau die Momente, die ich am liebsten verborgen hätte. Meine Entschuldigung war oft das Einzige, was das Vergessen überhaupt zum Thema machte.
„Ich entschuldigte mich den ganzen Tag – als müsste ich mich für meine bloße Anwesenheit rechtfertigen.“
Wofür ich mich eigentlich entschuldigt habe
Als ich genauer hinschaute, wurde mir mulmig. Ich entschuldigte mich dafür, dass mein Körper tat, was Körper in dieser Lebensphase eben tun. Der Nebel im Kopf, die Wortfindungslücken, die Vergesslichkeit – all das gehört zur hormonellen Umstellung dazu und geht wieder vorüber. Warum das so ist, habe ich im Artikel „Wenn dir mitten im Satz das Wort fehlt – über den Nebel im Kopf ab 40“ aufgeschrieben.
Ich entschuldigte mich also für etwas, das kein Fehler war. Und das ist ein entscheidender Unterschied. Eine Entschuldigung sagt: Ich habe etwas falsch gemacht, verzeih mir. Aber ich hatte nichts falsch gemacht. Ich hatte nur ein Wort verlegt. Genauso gut hätte ich mich dafür entschuldigen können, dass ich atme.
„Eine Entschuldigung sagt: Ich habe etwas falsch gemacht. Aber Vergessen ist kein Fehler.“
Was das ständige Entschuldigen mit mir machte
Das Problem ist: Worte formen, wie wir uns fühlen. Jedes „Entschuldigung“ war eine kleine Verbeugung nach unten. Ich machte mich damit ein Stückchen kleiner, immer und immer wieder. Ich bestätigte mir selbst, mehrmals pro Stunde: Mit dir stimmt etwas nicht.
Dazu kam das Verstecken. Wer sich ständig entschuldigt, signalisiert: Das hier ist mir peinlich, bitte übersieh es. Und je peinlicher es mir war, desto angespannter wurde ich – und desto dichter wurde der Nebel, denn unter Druck arbeitet der Kopf noch schlechter. Ich fütterte mit jedem Sorry genau das Problem, das ich damit zudecken wollte.
Und da war noch etwas, das ich lange nicht sehen wollte: Ich brachte es meinen Kindern bei. Eine Tochter, die ihre Mutter den ganzen Tag „Entschuldigung“ sagen hört, lernt, dass Frauen sich für ihre Anwesenheit rechtfertigen. Das wollte ich nicht weitergeben. Wenn ich schon für mich selbst schwer aufhören konnte, dann wenigstens für sie.
Was ich heute stattdessen sage
Heute entschuldige ich mich nicht mehr fürs Vergessen. Ich benenne es einfach – ruhig und ohne Drama. „Moment, das Wort ist gleich wieder da.“ „Ich schreib’s mir kurz auf, dann ist es sicher nicht weg.“ „Sag mir deinen Namen bitte noch mal, ich merke mir gerade schlecht Namen.“ Kein „tut mir leid“, kein „sorry“. Nur eine sachliche Feststellung.
Am Anfang fühlte sich das ungewohnt an, fast trotzig. Der Reflex saß tief, und ich musste das „Entschuldigung“ manchmal bewusst herunterschlucken, bevor es rausrutschte. Aber schon nach ein paar Tagen wurde es leichter. Und mit dem weggelassenen Sorry verschwand etwas von der ständigen leisen Anspannung, ständig im Unrecht zu sein.
Der Unterschied ist erstaunlich groß. Ich mache mich nicht mehr klein, sondern bleibe auf Augenhöhe. Und ich merke, dass mein Gegenüber es genauso sachlich nimmt, wie ich es sage. Diese Milde mir selbst gegenüber – dieselbe, die ich jeder Freundin sofort geben würde – war für mich das eigentlich Neue. Warum sie uns bei uns selbst so schwerfällt, habe ich in „Warum wir uns selbst zumuten, was wir niemandem sonst zumuten würden“ beschrieben.
„Ich sage nicht mehr „Entschuldigung“. Ich sage: „Moment, das Wort ist gleich wieder da.““
Für dich
Achte heute einmal darauf, wie oft du „Entschuldigung“ oder „sorry“ sagst – und wofür. Für einen echten Fehler? Oder nur dafür, dass du ein Mensch bist, der gerade durch eine anstrengende Phase geht? Und wenn es das Zweite ist, dann probiere den Tausch: Statt dich zu entschuldigen, benenne es einfach. Du wirst überrascht sein, wie viel aufrechter du dich damit fühlst.
Und wenn dir diese Phase gerade an dein Selbstvertrauen geht und du jemanden an deiner Seite möchtest, der dich nicht kleiner macht, sondern stärkt: In meinem 1:1 Mentoring begleite ich Frauen genau dabei. Für die überdrehten Tage habe ich meine kostenlose Audio-Reise Feierabend für den Kopf für dich. 💛
Wie oft entschuldigst du dich am Tag – und wofür wirklich? Schreib mir – ich freue mich auf deine Nachricht.
Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine