Drei Momente, in denen ich mich früher übersehen habe

Es gibt drei Momente in meinem Alltag, die mir lange nicht aufgefallen sind. Sie waren so klein, dass sie nicht auffällig waren. Sie waren so vertraut, dass ich sie nicht hinterfragt habe. Und sie waren so alltäglich, dass sie prägend wurden. In jedem dieser Momente habe ich mich übersehen — ohne es zu merken.
Ich erzähle dir heute, welche drei das bei mir waren. Nicht, weil ich glaube, dass es bei dir die gleichen sind. Sondern weil ich gelernt habe, dass es solche Momente bei jeder Frau gibt, die viel trägt. Sie sind kein Drama. Sie sind die Stellen, an denen wir aufhören, uns zu spüren.
Vielleicht erkennst du dich in einem davon.
Moment 1: Der Morgenkaffee
Ich habe meinen Kaffee über Jahre im Vorbeigehen getrunken. Im Stehen an der Kücheninsel, während ich gleichzeitig die Brotdosen gemacht habe. Auf dem Weg zur Haustür, während ich den Schlüssel gesucht habe. Auf dem Beifahrersitz beim Wegfahren.
Ich hätte gesagt: „Ich trinke jeden Morgen Kaffee.“ Das stimmte. Aber ich habe ihn nicht getrunken. Ich habe ihn weggekippt. Wie Treibstoff. Und das war auch genau der Punkt — mein erster Akt am Tag war nicht: ‚Ich nehme mir etwas Gutes.‘ Mein erster Akt am Tag war: ‚Ich tanke nach.‘
Was ich nicht gemerkt habe: Ich habe meinem Körper jeden Morgen mitgeteilt, dass es für meine eigene Versorgung keine Zeit gibt. Nicht mal zwei Minuten. Nicht mal für einen Kaffee.
„Beim Kaffee am Morgen — ich habe ihn jahrelang im Vorbeigehen getrunken.“
Heute trinke ich meinen Kaffee sitzend. Nicht jeden Morgen. Aber oft. Fünf Minuten. Ohne Handy. Ohne Plan. Nur die Tasse, der Geschmack, der Blick aus dem Fenster. Das klingt klein. Aber es hat einen ganzen Tag verändert. Weil mein erster Akt jetzt etwas anderes signalisiert: ‚Ich bin da. Ich darf hier sein. Ich zähle auch.‘
Moment 2: Das spontane Ja
Wenn mich jemand gefragt hat — ob ich ein Projekt übernehme, ob ich am Wochenende einspringe, ob ich noch schnell etwas vorbeibringe — habe ich Ja gesagt. Reflexhaft. Bevor ich gefragt hatte, was ich eigentlich will.
Das war nicht freundlich. Das war Reaktion. Mein System hat ‚Ja‘ gesagt, bevor mein Wille überhaupt anwesend war. Ich habe meinem Gegenüber eine Antwort gegeben, ohne mich selbst gefragt zu haben. Das heißt: Ich war in dem Gespräch gar nicht da. Ich war nur die Antwort-Maschine.
Das Tückische daran: Das Ja kam so schnell, dass es echt wirkte. Auch für mich. Ich habe nicht gemerkt, dass ich gar nicht zugestimmt hatte. Ich habe nur produziert, was erwartet wurde.
„Beim spontanen Ja — ich habe geantwortet, bevor ich gefragt habe, was ich will.“
Heute sage ich nicht mehr reflexhaft Ja. Wenn mich jemand fragt, antworte ich oft: „Lass mich kurz prüfen. Ich melde mich.“ Das ist meine Pause. In dieser Pause frage ich mich nicht: ‚Kann ich das?‘ Ich frage mich: ‚Will ich das?‘ Das ist eine andere Frage. Und es ändert sehr viel.
Moment 3: Das Ende des Tages
Wenn ich abends ins Bett gegangen bin, habe ich mir tausend Fragen gestellt. Habe ich heute alles erledigt? Was muss ich morgen tun? Wie läuft das Projekt? Habe ich den Termin im Blick? Sind die Kinder versorgt?
Eine Frage habe ich nie gestellt: ‚Wie geht es mir heute?‘
Das war keine Vergesslichkeit. Das war Gewohnheit. Mein letzter Akt des Tages war die Liste der anderen. Mein eigener Körper hat keinen Platz in dieser Liste gehabt. Ich bin oft einfach — buchstäblich — mit den anderen ins Bett gegangen, ohne mich vorher gespürt zu haben.
Heute frage ich mich abends einen einzigen Satz: ‚Wie geht es mir heute?‘ Manchmal lautet die Antwort: ‚Gut.‘ Manchmal: ‚Erschöpft.‘ Manchmal: ‚Traurig, ich weiß auch nicht warum.‘ Das alles darf so sein. Wichtig ist nur, dass ich es überhaupt einmal gefragt habe.
„Am Ende des Tages — ich habe nie gefragt, wie es mir geht.“
Was diese drei Momente gemeinsam haben
Wenn ich heute auf diese drei Momente schaue, sehe ich, was sie verbindet. Es sind drei Momente, in denen es um meine Versorgung gegangen wäre. Beim ersten Akt am Tag. Wenn ich Verantwortung übernehme. Beim letzten Akt am Tag. Alles drei Momente, die normalerweise jeder für sich nutzen würde.
Ich habe sie weggegeben. Nicht aus Bösartigkeit. Aus Gewohnheit. Aus einem Bild von mir selbst, in dem ich als Letzte vorkam.
Im Hauptartikel zu diesem Thema habe ich beschrieben, warum gerade Frauen mit viel Verantwortung sich selbst übersehen. Hier nur dieser Hinweis: Es liegt nicht daran, dass du etwas falsch machst. Es liegt daran, dass du jahrzehntelang das Gegenteil geübt hast.
Sich wieder zu spüren beginnt in den kleinen Momenten. Nicht in den großen Entscheidungen.
Wenn du möchtest, schreib mir, welcher Moment bei dir auftaucht. Du kannst mir direkt über meine Kontaktseite eine Nachricht schicken. Ich lese alles, was bei mir ankommt — und antworte dann schnellstmöglich.
Und falls du das Gefühl hast, dass du dich in diesen kleinen Momenten längst nicht mehr findest, und du Lust hast, gemeinsam mit jemandem hinzuschauen — in meinem 1:1 Mentoring begleite ich Frauen genau auf diesem Weg zurück zu sich. Über 3 oder 6 Monate, in deinem Tempo, ohne Druck.
Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine