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Warum dein „Es ist ja nur …“ eine sanfte Lüge ist

  • 26. Juni 2026
  • 5 Min. Lesezeit
Frau am Fenster, Sabine Böske, freundlich, leicht lächelnd

Es gibt drei Sätze, mit denen ich mich über Jahre selbst beruhigt habe. Sie waren immer da, wenn ich merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie haben sich wie kleine Antworten angefühlt — wie Erklärungen, mit denen ich weitermachen konnte. Sie waren freundlich. Sie waren leise. Und sie waren genau das, was mich daran gehindert hat, etwas zu verändern.

Es sind keine groben Sätze. Keine, die wehtun. Sie klingen vernünftig, fast bescheiden. Sie alle beginnen mit denselben vier Wörtern: „Es ist ja nur …“.

Ich erzähle dir heute, welche drei Sätze das bei mir waren — und was an ihnen so tückisch ist. Vielleicht erkennst du dich in einem davon. Vielleicht in allen dreien.

Satz 1: „Es ist ja nur eine Phase.“

Das war mein erster Lieblings-Satz, wenn ich merkte, dass ich nicht mehr konnte. Wenn die Nächte zu kurz waren, der Job zu viel, die To-do-Liste länger als der Tag. Dann habe ich mir gesagt: „Es ist ja nur eine Phase. Das wird wieder.“

Und ich hatte sogar recht. Es war eine Phase. Sie hieß: das erste Jahr im neuen Job. Dann: die Kindergartenzeit. Dann: das erste Schuljahr. Dann: die Pubertät. Dann: das neue Projekt im Job.

Jede einzelne dieser Phasen wäre machbar gewesen. Das Problem war: Es kam immer die nächste. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass das, was ich als „Phase“ bezeichnet habe, gar keine war. Es war mein Leben. Ich habe nur jeden Abschnitt mit dem gleichen Satz beruhigt, statt zu fragen, ob ich vielleicht etwas ändern dürfte.

„Es ist ja nur eine Phase.“ — Stattdessen: „Diese ,Phase‘ dauert jetzt 18 Monate.“

Heute prüfe ich diesen Satz, wenn er auftaucht. Ich frage mich: „Wann hat das angefangen?“ Und wenn die Antwort lautet: vor mehr als drei Monaten, ist es keine Phase mehr. Es ist mein Zustand.

Das macht einen riesigen Unterschied. Denn eine Phase muss ich nur durchhalten. Ein Zustand will angeschaut werden.

Satz 2: „Ich bin ja nur müde.“

Das ist der harmloseste der drei Sätze. Und der häufigste. Ich habe ihn so oft gesagt, dass ich gar nicht mehr gemerkt habe, dass ich ihn sage. „Ich bin nur müde, das ist alles.“ „Ich habe schlecht geschlafen.“ „Heute war ein langer Tag.“

Das Tückische: Müdigkeit ist real. Ich war oft genug wirklich müde. Das Problem ist nicht, dass der Satz lügt. Das Problem ist, dass er ablenkt. Denn Müdigkeit hat eine einfache Lösung — Schlaf. Erschöpfung nicht.

Ich habe lange gedacht: Wenn ich nur mal ein oder zwei Nächte durchschlafe, ist alles wieder gut. Aber das war nicht so. Ich habe mal eine Woche Urlaub genommen, viel geschlafen, ausgeruht. Und am ersten Tag zurück im Alltag war ich wieder da, wo ich vorher war. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Das ist keine Müdigkeit. Das ist etwas anderes.

„Ich bin ja nur müde.“ — Stattdessen: „Ich bin erschöpft. Das ist etwas anderes.“

Müdigkeit hat einen Anfang und ein Ende. Erschöpfung hat einen Verlauf. Müdigkeit verschwindet mit Schlaf. Erschöpfung braucht etwas anderes. Was genau Erschöpfung von Müdigkeit unterscheidet, habe ich in meinem Artikel über Burn-on statt Burnout ausführlich beschrieben.

Heute, wenn ich denke „Ich bin nur müde“, frage ich mich: „Bin ich müde — oder bin ich leer?“ Das sind zwei verschiedene Dinge. Müdigkeit darf ich wegschlafen. Leere darf ich anschauen.

Satz 3: „Ich brauch ja nur mal Urlaub.“

Das war mein letzter Rettungsanker. Wenn alles andere nicht mehr funktionierte, habe ich auf den Urlaub gewartet. Auf das verlängerte Wochenende. Auf die Tage am Meer. Dort, dachte ich, würde sich alles lösen.

Und teilweise stimmte das auch. Die ersten Tage waren wirklich erholsam. Ich habe geschlafen, gelesen, gegessen, war draußen. Aber dann passierte etwas Sonderbares: In der Mitte des Urlaubs, wenn ich endlich runtergekommen war, spürte ich erst, wie erschöpft ich wirklich war. Und kurz vor Rückkehr fing das Gefühl der Anspannung wieder an. Manchmal sogar schon am letzten Urlaubstag.

Forscher beschreiben das so: Urlaub hilft kurzzeitig, aber wenn die Grundbelastung dieselbe bleibt, ist die Erholung nach wenigen Wochen aufgebraucht. Manche Menschen merken erst im Urlaub, wie erschöpft sie eigentlich sind. Wenn der Urlaub nicht reicht, liegt das nicht am Urlaub — sondern am Alltag.

„Ich brauch nur mal Urlaub.“ — Stattdessen: „Ein Urlaub reicht nicht. Und das ist okay.“

Heute, wenn ich denke „Ich brauch nur mal Urlaub“, schaue ich genauer hin. Ich frage: „Was erwarte ich von diesem Urlaub?“ Wenn die Antwort lautet: „Dass ich danach wieder funktioniere“, dann weiß ich, dass der Urlaub allein nicht reichen wird. Dann braucht es noch etwas anderes. Etwas, das im Alltag ankommt. Nicht erst danach.

Was diese drei Sätze gemeinsam haben

Wenn ich heute auf diese drei Sätze schaue, sehe ich, was sie verbindet. Sie alle haben mir das gleiche Versprechen gemacht: „Du musst nichts verändern. Es ist alles gar nicht so schlimm.“

Sie waren freundlich. Sie waren bescheiden. Sie wollten mich beruhigen. Aber genau das war ihr Problem. Sie haben verhindert, dass ich gefragt habe: „Moment — ist das wirklich nur eine Phase? Bin ich wirklich nur müde? Reicht wirklich nur ein Urlaub?“

Diese Sätze sind nicht die einzigen, die uns müde machen. Über drei andere innere Sätze — die „ich muss“-Sätze — habe ich in meinem Artikel über die drei Sätze, die ich morgens nicht mehr zu mir sage, geschrieben.

Manchmal ist der erste Schritt zur Veränderung, sich seinen eigenen „Es ist ja nur“-Sätzen zuzuhören.

Wenn du möchtest, schreib mir, welcher Satz dich am meisten begleitet. Du kannst mir direkt über meine Kontaktseite eine Nachricht schicken. Ich lese alles, was bei mir ankommt — und antworte dann schnellstmöglich.

Und falls du das Gefühl hast, dass deine „Es ist ja nur“-Sätze dich über Jahre an einem Ort gehalten haben, an dem du nicht mehr sein willst — in meinem 1:1 Mentoring arbeite ich mit Frauen genau an solchen Mustern. Über 3 oder 6 Monate, in deinem Tempo, ohne Druck.

Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine