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Der Moment zwischen „Ja“ und „Nein“, in dem ich zurückkomme

  • 10. Juli 2026
  • 5 Min. Lesezeit
Frau in Momentaufnahme, ruhig innehalten — zwischen Frage und Antwort

Es gibt einen kleinen Moment im Alltag, den ich jahrzehntelang nicht bemerkt habe. Er ist nicht laut. Er ist nicht dramatisch. Er dauert vielleicht drei Sekunden. Und trotzdem ist er der Moment, der für mich alles verändert hat. Es ist der Moment zwischen einer Frage und meiner Antwort. Der Zwischenraum. Ich habe ihn erst gefunden, als ich wusste, wonach ich suchen muss.

Ich möchte dir heute erzählen, warum dieser winzige Moment so viel Kraft hat. Und was ich in ihm gefunden habe, das mir vorher gefehlt hat.

Wo ich früher war

Für die meiste Zeit meines Berufslebens gab es diesen Moment gar nicht. Zwischen einer Frage und meiner Antwort war nichts. Kein Raum. Kein Innehalten. Nur eine schnelle, glatte Bewegung von ‚Kannst du …?‘ zu ‚Ja, klar.‘

Das war nicht Effizienz. Das war Reflex. Mein System hatte gelernt, dass Ja-Sagen sicherer ist als Nein-Sagen. Dass Verfügbarkeit meine Rolle ist. Dass ich mich beweise, indem ich schnell reagiere. Und so bin ich jedes Mal, wenn mich jemand gefragt hat, gar nicht wirklich anwesend gewesen. Ich war die Antwort-Maschine.

Was mir gefehlt hat, war ich selbst. Ich war beim anderen. Ich war bei dem, was er brauchte. Ich war bei dem Bild, das er von mir hatte. Nur bei mir war ich nicht. Und weil zwischen der Frage und meiner Antwort kein Raum war, hatte ich auch keine Chance, das zu bemerken.

„Ich war beim anderen. Beim Bild von mir. Nur bei mir war ich nicht.“

Was der Zwischenraum ist

Der Moment zwischen ‚Ja‘ und ‚Nein‘ ist kein leerer Raum. Er fühlt sich nur so an, weil ich ihn nie gesehen habe. Als ich ihn zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe — nach einer Frage, auf die ich nicht sofort geantwortet habe — war da erst nichts. Ich habe es als Loch empfunden. Als hätte ich vergessen, was ich sagen soll.

Aber das war kein Loch. Es war Weite. In diesem winzigen Moment, in dem ich nicht sofort geantwortet habe, war endlich Platz. Platz für eine Frage, die ich mir vorher nie gestellt hatte: ‚Was will ich hier eigentlich?‘

Der Zwischenraum ist der Ort, an dem ich mich selbst höre. Nicht was der andere braucht. Nicht was ich sollte. Nicht was die Situation zu verlangen scheint. Sondern das leise ‚Ich‘ in mir, das jahrelang von den lauten Reflexen übertönt wurde.

„Der Zwischenraum war kein Loch. Er war die Tür.“

Und das Überraschendste: In diesem Moment tue ich fast nichts. Ich denke nicht angestrengt. Ich wäge nicht ab. Ich atme. Ich spüre kurz, was in mir ist. Manchmal ist es ein klares Ja. Manchmal ist es ein leises Nein. Manchmal ist es Unsicherheit — und auch das ist eine Information. Ich kann sagen: ‚Lass mich kurz prüfen. Ich melde mich dann.‘

Was ich in ihm gefunden habe

Ich habe gedacht, ich würde lernen, Nein zu sagen. Das war nicht das, was mir wirklich gefehlt hat. Was mir gefehlt hat, war der Zwischenraum. Sobald ich ihn hatte, kam das Nein oft von allein. Aber auch das Ja war anders — es war ein echtes Ja, kein Reflex-Ja.

Der Unterschied hat mich überrascht. Ein echtes Ja fühlt sich anders an als ein Reflex-Ja. Es ist ruhiger. Es trägt keine versteckte Wut mit sich, keine kleine Überforderung, die sich später meldet. Ich sage Ja, weil ich Ja meine. Nicht, weil ich Angst hatte, Nein zu sagen.

Und die Neins? Sie sind viel leiser geworden. Ich muss sie nicht mehr durchsetzen, nicht mehr verteidigen. Sie sind einfach da. ‚Nein, das passt gerade nicht.‘ Ohne Rechtfertigung, ohne Erklärung. Nicht weil ich abweisend bin, sondern weil ich nicht mehr das Gefühl habe, mich verteidigen zu müssen. Ich sage einfach, wie es ist.

„Ich musste nicht lernen, Nein zu sagen. Ich musste lernen, die Pause zu bemerken.“

Warum das Üben von Nein-Sagen bei den meisten Frauen nicht funktioniert, habe ich in meinem Artikel „Warum Nein-Sagen nicht die Lösung ist“ ausführlicher beschrieben. Hier nur die kurze Version: Nein-Sagen ist ein Symptom. Der Zwischenraum ist die eigentliche Adresse.

Vielleicht ist das dein Anfang

Wenn du weißt, dass du oft zu schnell Ja sagst, dann muss dein nächster Schritt nicht sein, Nein-Sagen zu üben. Dein nächster Schritt darf einfach sein: die Pause zu bemerken. Beim nächsten Mal, wenn dich jemand fragt — ob du ein Projekt übernimmst, am Wochenende einspringst, noch schnell etwas erledigst — antworte einen Moment später. Nicht viel später. Nur drei Sekunden.

In diesen drei Sekunden atme einmal ein. Frag dich innerlich: ‚Was passiert gerade in mir?‘ Und dann antworte. Egal was. Vielleicht ist es Ja. Vielleicht ist es Nein. Vielleicht ist es das ehrliche: ‚Lass mich kurz prüfen.‘

Es geht nicht um die Antwort. Es geht um den Zwischenraum. Er ist der Ort, an dem du wieder da bist.

Der Zwischenraum ist die Tür. Du musst sie nicht sofort durchschreiten. Nur wissen, wo sie ist.

Wenn du möchtest, schreib mir, wann du diesen Moment zum ersten Mal gespürt hast. Du kannst mir direkt über meine Kontaktseite eine Nachricht schicken. Ich lese alles, was bei mir ankommt — und antworte dann schnellstmöglich.

Und falls du das Gefühl hast, dass dir dieser Zwischenraum im Alltag oft fehlt, und du Lust hast, gemeinsam mit jemandem hinzuschauen — in meinem 1:1 Mentoring arbeite ich mit Frauen genau an diesem Punkt. Über 3 oder 6 Monate, in deinem Tempo, ohne Druck.

Ich wünsche dir viele kleine Aha-Momente.
Deine Sabine